politische ökologie 71/2002          
Editorial: NeuHausen  
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Menschen leben in Häusern und Häuser mit den Menschen. Lebendiges und Künstliches sind vereint. In unserer westlichen Kultur ist diese tiefe Verbundenheit nur noch wenigen bewusst. Wir haben verlernt unseren Lebensraum zu spüren, in dem wir uns aufhalten. Neubausiedlungen werden aus dem Boden gestampft und noch vor der eigentlichen Fertigstellung bezogen. Naturvölker zeigen uns, dass es noch ein ursprüngliches Verständnis gibt: Sie weihen neue Häuser mit einer Zeremonie ein, damit sie für den Menschen bewohnbar sind.

Früher suchten wir Schutz in Höhlen und Hütten Schutz. Heute suchen wir nach Räumen - nach Zimmern, Wohnungen, Häusern, die unseren Bedürfnissen gerecht werden. Diese Suche ist schwer, nicht zuletzt wegen der Möglichkeiten, die sich uns bieten: Soll ich in die Stadt oder aufs Land ziehen? Fühle ich mich in einem Neubau oder Altbau wohler? In welchem Stadtviertel wird „mein“ Lebensstil gelebt? Die Qual der Wahl erfüllt nicht nur die Suchenden, sondern auch diejenigen, die planen, bauen und sanieren. So viele Elemente sind von Bedeutung: Das Wohnumfeld muss grün sein, die Wohnungen unterschiedlich groß, am besten eine Vielfalt an Grundrissen, denn Familien, Wohngemeinschaften, MigrantInnen, allein Erziehende, Singles und alte Menschen haben ihre speziellen Wünsche.

Ein Haus kann mehr sein als ein Lebensraum für die Menschen - ein eigener „Organismus“, der mit seiner Umwelt im Kontakt steht. Innen- und Außenraum sind dann nicht klar voneinander getrennt, sondern fließen ineinander über. Die intelligente Fassade - eine künstliche Haut - vermittelt zwischen innen und außen. Ähnlich einer Membran reagiert sie auf Sonnenbestrahlung, Temperatur und Luftfeuchte. Ressourcenschonende Techniken im Häuserbau haben jedoch nur Zukunft, wenn sie in einen größeren Rahmen eingebunden sind: Die BewohnerInnen müssen sie verstehen und mit ihnen leben wollen. Die Bauträger müssen einen Konsens finden zwischen kurzfristigem Gewinn und langfristiger Investition in Gesellschaft und Umwelt. Und die Stadt muss ein Klima schaffen, das innovativen Projekten Raum gibt. Nur durch gesellschaftlichen Willen kann eine zukunftsträchtige Baukultur entstehen. Für diese Entwicklung will die politische ökologie ein Baustein sein.

Anja Wirsing